Schmerzen nach Dammschnitt trotz Heilung - Geburtsverletzungen & Beckenboden
- Yuliia Storozhylova
- 20. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Warum sie trotzdem schmerzhaft oder sensibel sein kann

Ein Dammschnitt oder ein Dammriss kann medizinisch als „gut verheilt“ beurteilt werden – und trotzdem kann die Narbe schmerzhaft oder sensibel bleiben. Das sorgt bei vielen Frauen für Verunsicherung, weil sie hören, dass alles gut aussieht: keine Entzündung, keine Rötung, keine Auffälligkeiten. Und gleichzeitig fühlt sich etwas nicht richtig an.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Auch wenn du die Narbe nicht siehst, heißt das nicht, dass es keine gibt.
Was bedeutet „gut verheilt“ aus medizinischer Sicht?
„Gut verheilt“ bedeutet aus ärztlicher Sicht, dass keine Entzündung vorliegt, keine Keloidbildung entstanden ist und die Narbe glatt und nicht gerötet ist. Das beschreibt das äußere Bild der Narbe. Es sagt jedoch nichts darüber aus, wie sich das Gewebe unter Belastung verhält.
Auch gut verheilte Narben können noch Wochen oder Monate nach der Geburt empfindlich auf Druck, Zug oder Dehnung reagieren.

Warum eine gut verheilte Narbe sensibel bleiben kann:
Jede Narbe entsteht durch Narbenbindegewebe. Dieses Gewebe ist anders aufgebaut als unverletztes Gewebe und hat nicht automatisch die gleiche Qualität oder Belastbarkeit.
Ein wichtiger Teil der Narbenheilung ist der Einbau neuer Blutgefäße. Diese sorgen für Durchblutung, Sauerstoffzufuhr und den Transport von Zellen und notwendigen Stoffen zum Verletzungsgebiet sowie für den Abtransport von Abfallprodukten. Jedes dieser Blutgefäße ist mit Nerven versorgt. Dadurch nimmt das Areal zunächst mehr Reize wahr.
Mit der Zeit werden viele dieser zusätzlichen Blutgefäße wieder abgebaut. Die Narbe verändert ihre Farbe, wird weniger rosa oder rot und später heller. Dieser Prozess passiert nicht sofort, sondern über Wochen und Monate.
Warum die Dammnarbe eine Besonderheit ist:
Der Beckenboden nimmt hier eine Sonderrolle ein. Während Narben an anderen Körperstellen meist selbstverständlich berührt, bewegt oder massiert werden, passiert das im Dammbereich deutlich seltener. Abgesehen von vaginalen Untersuchungen oder Penetration findet dort im Alltag kaum Dehnung statt.
Gleichzeitig reduzieren viele Frauen ihre Aktivität oder meiden bestimmte Bewegungen. Diese Abwesenheit von Belastung kann dazu führen, dass im Alltag wenig Probleme bestehen, Berührung, Untersuchung oder Intimität aber plötzlich schmerzhaft oder unangenehm sind.
Zusätzlich versucht das Nervensystem, den verletzten Bereich zu schützen. Diese Schutzreaktion kann sich in erhöhter Spannung der Beckenbodenmuskulatur zeigen, besonders dann, wenn Sorgen vor Organsenkung, Inkontinenz oder weiteren Beschwerden bestehen.
Wie du die Sensibilität der Narbe selbst einschätzen kannst:
Wenn die Narbe vollständig abgeheilt ist und keine Nähte oder Krusten mehr vorhanden sind, kann es sinnvoll sein, die Sensibilität vorsichtig selbst zu prüfen. Leichte Berührung, ohne Druck oder Zug, kann bereits helfen, die Empfindlichkeit zu reduzieren.
Nach etwa sechs bis acht Wochen, wenn die Narbe gut verheilt ist, kann vorsichtig mit Narbenmassage begonnen werden. Dabei sollte sich die Narbe leicht gegenüber dem umliegenden Gewebe verschieben lassen.
Wichtig ist auch zu wissen, dass sich die Narbe nicht nur an der Haut befindet. Sie kann den Bereich des Hymens und den Vaginaleingang betreffen, also Schleimhautgewebe, aber auch Muskulatur bei grösseren Verletzungen. Gerade dort ist die Sensibilität häufig erhöht und das ist oft der Bereich, der bei Intimität als schmerzhaft oder unangenehm empfunden wird.

Was die Heilung deiner Narbe unterstützen kann:
Neben Zeit und allgemeiner Wundheilung kann auch ein aktiver Umgang mit dem Gewebe sinnvoll sein. Narbenmassage kann helfen, die Verschiebbarkeit des Gewebes zu verbessern und die Sensibilität schrittweise zu reduzieren. Dabei geht es nicht um starken Druck, sondern um gezielte, kontrollierte Reize.
Der Heilungsprozess ist außerdem stark davon abhängig, ob dem Körper die notwendigen Substrate zur Verfügung stehen. Das bedeutet eine ausgewogene Ernährung mit einer ausreichenden Menge an Proteinen sowie Vitaminen und Mineralstoffen. Ebenso wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Gerade in den ersten Wochen nach der Geburt spielt zudem eine strategische Planung von Belastung und Erholung eine zentrale Rolle. Heilung braucht Reize, aber auch Pausen, in denen sich Gewebe anpassen und regenerieren kann.
Auch Bewegung spielt eine wichtige Rolle. Die Dehnung des Beckenbodens über eine Erweiterung des Bewegungsausmaßes kann dazu beitragen, das Gewebe auf Belastung vorzubereiten. Dazu gehören zum Beispiel tiefe Hocken oder Ausfallschritte in verschiedenen Richtungen. Diese Bewegungen bringen Zug- und Dehnungsreize in den Beckenboden, ohne ihn isoliert zu behandeln.
Ein strukturiertes Training kann zusätzlich helfen, die Belastbarkeit des Gewebes zu verbessern. Durch den Wechsel von Dehnung und Verkürzung wird nicht nur die mechanische Belastbarkeit adressiert, sondern auch eine Desensibilisierung unterstützt. Ziel ist es, dem Gewebe und dem Nervensystem wieder zu vermitteln, dass Bewegung und Belastung sicher sind. Im weiteren Verlauf kann auch die Integration von Impaktbelastungen sinnvoll sein, wie sie im Alltag zum Beispiel beim Husten auftreten oder bei Aktivitäten wie Springen oder Laufen. Diese Belastungen gehören funktionell zum Leben dazu und sollten – wenn der Heilungsverlauf es zulässt – wieder Teil der Rehabilitation werden.
Ergänzend kann es sinnvoll sein, den Zustand des Gewebes genauer zu beurteilen. Je nach Befund kann der Einsatz von Gleitmittel oder – in Absprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt – auch die lokale Anwendung von Östrogengel hilfreich sein, insbesondere bei Schleimhauttrockenheit oder erhöhter Reizempfindlichkeit.
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle medizinische oder physiotherapeutische Untersuchung. Beschwerden, Heilungsverläufe und Belastbarkeit können individuell unterschiedlich sein.
Wie Physiotherapie hier unterstützen kann

Viele Frauen trauen sich nicht, sich alleine mit ihrer Narbe auseinanderzusetzen. Das ist vollkommen verständlich. Der Bereich ist sehr intim und oft mit Unsicherheit verbunden – mit der Sorge, etwas falsch zu machen oder Schmerzen auszulösen. Deshalb wird die Narbe häufig eher gemieden, statt aktiv einbezogen.
Genau hier kann Physiotherapie helfen. Eine physiotherapeutische Untersuchung und Behandlung schafft einen geschützten Rahmen, in dem die Narbe, das umliegende Gewebe und der Beckenboden in Ruhe angeschaut werden können. Es geht nicht darum, etwas auszuhalten oder durchzuziehen, sondern darum zu verstehen, wie sich das Gewebe anfühlt, wie beweglich es ist und wie es auf Berührung, Druck und Dehnung reagiert.
Eine gewisse Sensibilität der Narbe nach Dammschnitt oder Dammriss ist nicht ungewöhnlich und kann über mehrere Monate bestehen. Das bedeutet aber nicht, dass Schmerzen einfach hingenommen werden müssen oder dass Intimität dauerhaft vermieden werden sollte. Wenn Beschwerden bleiben, ist das kein Zeichen von Schwäche oder falschem Verhalten, sondern ein Hinweis darauf, dass Gewebe und Nervensystem noch Unterstützung brauchen.
In der Physiotherapie kann Schritt für Schritt daran gearbeitet werden, die Sensibilität zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Ziel ist es, Belastung wieder möglich zu machen – im Alltag, in Bewegung und auch in der Intimität – nicht mit Druck, sondern mit Klarheit, Zeit und Struktur.
Einen Termin zur physiotherapeutischen Untersuchung kannst du hier buchen.

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